Interviewreihe: Starke Frauen in der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft – Beate Conrady
Flankierend zum Positionspapier der >>Verbändeallianz zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft 2026 stellt die Europäische Genossenschaft Education and Qualification Alliance SCE Frauen in der Landwirtschaft vor, die wertvolle Beiträge zur doppelten Transformation leisten. In einer Reihe von monatlichen Interviews stellen wir diese Frauen mit ihren Ideen, Innovationen und Netzwerken vor. Für den Monat Mai hat EQA ein Interview mit Prof. Dr. Beate Conrady geführt.

Prof. Dr. Beate Conrady, Universität Kopenhagen
Beate Conrady ist studierte Agraringenieurin und Professorin für Veterinary Health Informatics and Economics. Sie beteiligt sich an weltweiten Großprojekten im One Health Bereich und konnte mit den von ihr für ihre Forschungsarbeiten eingeworbenen Drittmitteln eine eigene, international hervorragend vernetze Forschungsgruppe aufbauen. Ihre Forschungsgruppe Infectious Disease Epidemiology & Animal Health Economics (TIPTON Group) entwickelt sie derzeit an der Universität Kopenhagen weiter.
Im Zentrum ihrer Forschung steht die evidenzbasierte Unterstützung von Entscheidungsprozessen im Krisen- und Seuchenmanagement für Behörden und die Privatwirtschaft. Sie entwickelt und implementiert wirkungsvolle sowie effiziente Präventions- und Interventionsstrategien gegen Infektionskrankheiten. Dabei nutzt sie moderne, computergestützte Inferenz- und Simulationsmodelle, die Tier-, Human- und Umweltgesundheit im Sinne des One-Health-Ansatzes integrieren.
Beate Conrady und ihr Team wurden mit zahlreichen Forschungspreisen ausgezeichnet.
EQA: Wie haben sich die Aus- und Weiterbildungskonzepte in den letzten Jahren im One Health Bereich entwickelt?
Beate Conrady: Zu Beginn wurde das Konzept von One Health häufig als ein eher vager oder „modebegriffartiger“ Ansatz („fluffy buzzword“) wahrgenommen. Inzwischen hat sich das Feld jedoch deutlich weiterentwickelt und etabliert sich zunehmend als eigenständiger akademischer und beruflicher Bereich.
Ein Beispiel hierfür ist die Internationale One Health Summer School, die wir an der Universität Kopenhagen in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dänemark anbieten. In diesem Programm werden die drei zentralen Dimensionen – Tiergesundheit, menschliche Gesundheit und Umwelt – integrativ betrachtet und in übergeordnete Themen wie Ökonomie, Landnutzung und Klima eingebettet. Inhaltlich reicht das Spektrum von Infektionskrankheiten und deren Modellierung über den Einsatz von Antibiotika und die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen bis hin zu nachhaltigen Transformationspfaden (sustainability pathways).
Trotz dieser Fortschritte bestehen weiterhin Herausforderungen, insbesondere bei der stärkeren Integration der Umweltperspektive mit dem Tiergesundheitsbereich. Ein wesentlicher Grund dafür liegt darin, dass interdisziplinäre Kooperationen in diesem Bereich in der Vergangenheit nicht ausreichend gefördert wurden. Gleichzeitig beobachten wir jedoch zunehmend Initiativen sowie gezielte Forschungsförderung, die darauf abzielen, diese Lücke künftig zu schließen.
Unser Internationaler One Health Summer Course richtet sich nicht nur an Studierende, sondern wird auch vielfach als berufsbegleitende Weiterbildung genutzt. Die Teilnehmenden kommen sowohl aus privaten als auch aus öffentlichen Institutionen. Entsprechend interdisziplinär ist auch ihr Hintergrund: Er reicht von Pflegefachkräften und Umweltingenieur:innen über Fachärzt:innen bis hin zu Veterinärmediziner:innen.
Dies stellt hohe Anforderungen an das Lehrkonzept, da es einerseits ein breites Spektrum an Themen abdecken und andererseits die unterschiedlichen fachlichen Hintergründe der Teilnehmenden miteinander verknüpfen sowie gezielt vertiefen muss.
EQA: Wie stark wächst der Bedarf im Bereich One Health vor dem Hintergrund neuer Herausforderungen der digitalen und grünen Transformation?
Beate Conrady: Der Bedarf im Bereich One Health nimmt im Zuge der digitalen und grünen Transformation deutlich zu. Einerseits verfügen wir heute über eine noch nie dagewesene Menge an Daten – aus den Bereichen Gesundheit, Umwelt, Tiermedizin und Klima. Andererseits bestehen weiterhin erhebliche Lücken, beispielsweise beim flächendeckenden Biodiversitäts-monitoring sowie beim Aufbau und der Harmonisierung von Datenbanken.
Eine zentrale Herausforderung liegt weniger in der Datenerhebung als vielmehr in der Verknüpfung und dem effektiven Austausch von Daten zwischen Disziplinen. Hier stoßen wir auf strukturelle und regulatorische Hürden, etwa durch Datenschutzbestimmungen (z. B. GDPR), aber auch auf historisch gewachsene Arbeitsweisen: Forschung und Praxis sind häufig in disziplinären Silos organisiert, in denen Daten isoliert erhoben und ausgewertet werden.
Um den komplexen Fragestellungen im One Health-Kontext gerecht zu werden, ist jedoch eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. Dies setzt voraus, dass wir gezielt Zeit, Strukturen und Anreize für Kooperation schaffen. Gleichzeitig bleibt fachliche Tiefe essenziell – sie muss jedoch durch die Bereitschaft ergänzt werden, Perspektiven zu integrieren und gegebenenfalls eigene disziplinäre Grenzen zugunsten gemeinsamer Ziele zu überwinden.
Künstliche Intelligenz kann hierbei eine entscheidende Schlüsselrolle einnehmen. Sie ermöglicht es, große und heterogene Datensätze aus unterschiedlichen Disziplinen effizient zu analysieren, Muster zu erkennen und komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen. Insbesondere im One Health-Kontext kann KI dazu beitragen, Daten aus Umwelt-, Tier- und Humanmedizin miteinander zu verknüpfen und so evidenzbasierte Entscheidungen zu unterstützen.
Darüber hinaus kann KI helfen, Wissenslücken zu identifizieren, Vorhersagemodelle zu entwickeln (z. B. für Krankheitsausbrüche oder Umweltveränderungen) und Entscheidungsprozesse zu optimieren. Gleichzeitig ist es wichtig, KI verantwortungsvoll einzusetzen – insbesondere im Hinblick auf Datenqualität, Transparenz und ethische Fragestellungen.
Insgesamt bietet die Kombination aus wachsender Datenverfügbarkeit, interdisziplinärer Zusammenarbeit und dem gezielten Einsatz von Künstlicher Intelligenz ein erhebliches Potenzial, den One Health-Ansatz weiterzuentwickeln und die Herausforderungen der digitalen und grünen Transformation wirksam zu adressieren.
EQA: Welche Voraussetzungen müssen noch geschaffen werden, um Frauen in Führungspositionen in der Branche zu stärken?
Beate Conrady: Ich bin überzeugt, dass es dabei nicht primär um eine Geschlechterfrage geht, sondern um Leadership. Entscheidend ist, Führungspersönlichkeiten zu entwickeln und zu fördern, die in der Lage sind, unterschiedliche Akteure zu verbinden, Ressourcen gezielt zu mobilisieren und interdisziplinäre Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Eine zentrale Voraussetzung ist zudem ein sicheres und wertschätzendes Arbeitsumfeld, in dem gegenseitiges Vertrauen herrscht. Nur auf dieser Basis kann eine konstruktive Zusammenarbeit entstehen, die konsequent auf gemeinsam definierte Ziele ausgerichtet ist. Solche Rahmenbedingungen stärken nicht nur Frauen, sondern führen insgesamt zu besserer und nachhaltigerer Führung, und dies nicht nur im Bereich One Health.







