Interviewreihe: Starke Frauen in der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft – Susanne Rönnefarth
Flankierend zum Positionspapier der >>Verbändeallianz zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft 2026 stellt die Europäische Genossenschaft Education and Qualification Alliance SCE Frauen in der Landwirtschaft vor, die wertvolle Beiträge zur doppelten Transformation leisten. In einer Reihe von monatlichen Interviews stellen wir diese Frauen mit ihren Ideen, Innovationen und Netzwerken vor. Für den Monat Juni hat EQA ein Interview mit Susanne Rönnefarth geführt.

Susanne Rönnefarth, Head of Startups, Future Forest Initiative
Susanne Rönnefarth ist Head of Startups bei der Future Forest Initiative, wo sie frühe NatureTech- und Waldwirtschafts-Startups auf dem Weg von der Marktvalidierung zur Kapitalfähigkeit begleitet. Sie hat Forstwirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde studiert und zuvor über ein Jahrzehnt im Berliner Startup- und Digitalökosystem gearbeitet, u.a. als Co-Founderin von Ida’s Place und in Führungsrollen bei GLOSSYBOX und YUNAR. Diese Kombination aus forstfachlichem Hintergrund und unternehmerischer Praxis ist kein Zufall: Susanne versteht sich als Brückenbauerin zwischen Wirtschaft und Natur und ist überzeugt, dass die Lösungen für die großen ökologischen Herausforderungen unserer Zeit nicht trotz, sondern mit Marktmechanismen entstehen. Sie ist Mitinitiatorin des Future Forest Female Founder Award (F4-Award), der Gründerinnen im Wald- und NatureTech-Sektor sichtbar macht.
EQAsce: Wie haben sich die Aus- und Weiterbildungskonzepte in den letzten Jahren in der Forstwirtschaft entwickelt?
Susanne Rönnefarth: Ich muss vorab ehrlich sein: Bildungskonzepte sind nicht mein Kernthema. Ich schaue auf die Forstwirtschaft primär durch die Brückenbauer- und Innovations-Brille. Mein Eindruck ist also der einer Beobachterin von außen.
Was ich wahrnehme: Es gibt ermutigende Signale, besonders auf Hochschulebene. Das für mich symbolisch bedeutsamste ist der im Wintersemester 24/25 an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde gestartete Studiengang Sozialökologisches Waldmanagement. Er steht für eine Waldbewirtschaftung, die alle Ökosystemleistungen als knappe Ressource versteht – nicht nur die Holzproduktion. Das ist ein Paradigmenwechsel. An der HNEE gibt es inzwischen außerdem auf Masterniveau Studiengänge wie Forest Information Technology und Forestry System Transformation – Titel, die vor zehn Jahren so kaum existierten. Auch andere Standorte, von Göttingen über Freiburg bis München, entwickeln ihre Programme mit stärkerem Fokus auf Ökosystemmanagement, Klimaanpassung und internationale Perspektiven weiter.
Was mich dabei mindestens so beschäftigt ist eine Studie, die 2025 in Forest Policy and Economics erschienen ist. „Becoming a forester“ hat untersucht, wie forstliche Hochschulbildung in Deutschland einen professionellen Habitus formt: Studierende entwickeln früh eine objektivistische Perspektive auf Wissen, positionieren sich hierarchisch gegenüber einer Laienbevölkerung und schotten sich gegen externe Perspektiven ab. Was die Studie auch zeigt: Das Berufsbild der Forstwirtschaft ist tief mit Vorstellungen von Männlichkeit, Kontrolle und aktivem Eingreifen verknüpft, während fürsorgliche, relationale Aspekte der Arbeit mit dem Wald systematisch verdrängt werden. Die Studie macht deutlich: Wälder in Zeiten ökologischer und sozialer Umbrüche zu managen erfordert Kompetenzen, die in diesem Habitus strukturell unterbelichtet bleiben – Kollaborationsfähigkeit, Selbstreflexivität, Ambiguitätstoleranz, die Bereitschaft, auch mal falsch zu liegen. Das kann ich aufgrund meiner täglichen Arbeit nur bestätigen. Die Schlussfolgerung der Studie teile ich deshalb vollständig: Bildungsinstitutionen müssen aktiv Diversität fördern und Transformationskompetenz zum Kern der Ausbildung machen.
Jenseits der Hochschulen gibt es ein flächendeckendes Netz forstlicher Bildungszentren, das praxisnahe Weiterbildung für Forstpraktikerinnen und -praktiker organisiert. Das ist gut, aber es hat einen strukturellen Haken: Diese Bildungsinfrastruktur ist überwiegend in öffentlicher Hand und historisch auf den öffentlichen Forstdienst ausgerichtet. Dabei gehört gut die Hälfte des deutschen Waldes Privatpersonen: von Kleinwaldbesitzenden mit ein paar Hektar bis zu großen Forstbetrieben. Für diese Gruppe ist der Zugang zu systematischer Weiterbildung zu neuen Themen – Kohlenstoffmärkte, Biodiversitätsberichterstattung, neue Förderinstrumente – noch sehr lückenhaft.
Das führt mich zu einer Beobachtung, die ich für grundlegend halte und die ich ausdrücklich nicht als Argument gegen höhere Anforderungen an den Wald formuliere, sondern umgekehrt: Der Wald soll Klimaschutz, Trinkwasser, Biodiversität und Erholung liefern: gesellschaftliche Güter, von denen alle profitieren. Wenn wir das wirklich ernst nehmen, dann ist die Frage, wer die Kosten der dafür notwendigen Transformation trägt, keine privatwirtschaftliche Frage mehr. Wissen und Weiterbildung sind eine Voraussetzung dafür, dass diese Ökosystemleistungen überhaupt erbracht werden können. Darin zu investieren wäre eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
EQAsce: Wie stark wächst der Bedarf an berufsbegleitender Weiterbildung in der Forstwirtschaft, mit Blick auf neue Herausforderungen der doppelten Transformation?
Susanne Rönnefarth: Der Bedarf ist enorm und er wächst schneller, als die vorhandenen Angebote nachkommen können.
Was mich daran besonders beschäftigt: Försterinnen und Förster waren schon immer außergewöhnliche Generalistinnen und Generalisten. Das Berufsbild umfasst Waldökologie und Waldbau, Forsteinrichtung und Waldschutz, Wildtiermanagement und Jagd, Naturschutz und Landschaftspflege, Holzmarkt und Logistik, Forstrecht und -politik, Personalführung und Öffentlichkeitsarbeit: das ist schon in der Grundausbildung ein außergewöhnliches Spektrum. Und trotzdem reicht es nicht mehr aus.
Denn dazu kommen jetzt neue Kompetenzanforderungen, für die es in der klassischen forstlichen Ausbildung kaum Vorbilder gibt: Wie funktioniert Kohlenstoffzertifizierung? Wie lese ich Fernerkundungsdaten zur Waldüberwachung? Was bedeuten Biodiversitätsberichterstattung oder EUDR konkret für meinen Betrieb? Wie bewerbe ich mich für Förderinstrumente, die es vor fünf Jahren noch gar nicht gab? Das erlebe ich täglich in der Arbeit mit unseren Startups und Mentor:innen: Das Wissen ist da, aber es ist auf viele Köpfe verteilt und muss dringend in skalierbare Weiterbildungsformate übersetzt werden.
EQAsce:Was hat der F4-Award für die Sichtbarkeit von Frauen beigetragen – und welche Voraussetzungen müssen noch geschaffen werden?
Susanne Rönnefarth: Ich bin Mitinitiatorin des F4-Awards, also kann ich das nicht ganz neutral beurteilen.
2025 wurde der F4-Award zum ersten Mal verliehen: Anne Findeisen wurde mit ihrem Biotech-Startup IdentMe ausgezeichnet, das über eDNA-Analysen eine schnelle, automatisierbare Artbestimmung ermöglicht.
Ich gebe zu: Vor einigen Jahren hätte ich gesagt, der Idealzustand sei einer, in dem wir keinen solchen Award brauchen. Angesichts des gesellschaftlichen Backlashs, den wir gerade erleben – in der politischen Debatte über Gleichstellung, in der Rückwärtsbewegung bei Diversity-Programmen international – halte ich das für zu naiv. Wir brauchen den Award mehr denn je. Und wir müssen ihn größer denken: mehr mediale Reichweite, stärkere Einbindung von Investor:innen, konkrete Folgewirkungen für die Ausgezeichneten jenseits des Moments auf der Bühne.
Was Frauen strukturell stärken würde: Kapitalzugang. Weiblich geführte Startups erhalten in Europa nach wie vor einen verschwindend kleinen Anteil des Venture Capitals. Das ist ein Marktversagen. Wer möchte, dass die innovativsten Lösungen für Wald und Klima entstehen, muss sicherstellen, dass die besten Gründerinnen auch an Kapital kommen.
Und ja: Vorbilder machen etwas. Ich war selbst überrascht, als ich in die Forstwirtschaft gewechselt bin, wie stark dieses Feld von Männern dominiert ist. Den F4-Award gibt es auch, um dieses Bild zu verschieben und zu zeigen, dass Neugier, Unternehmertum und Verantwortung für den Wald keine Frage des Geschlechts ist.







