Interviewreihe: Starke Frauen in der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft – Birgit Sparenberg
Flankierend zum Positionspapier der >>Verbändeallianz zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft 2026 stellt die Europäische Genossenschaft Education and Qualification Alliance SCE Frauen in der Landwirtschaft vor, die wertvolle Beiträge zur doppelten Transformation leisten. In einer Reihe von monatlichen Interviews stellen wir diese Frauen mit ihren Ideen, Innovationen und Netzwerken vor. Für den Monat Juli hat EQA ein Interview mit Birgit Sparenberg geführt..

Birgit Sparenberg, Beratung und Coaching für in der Agrar- und Ernährungsbranche Tätige
Birgit Sparenberg studierte Agrarwissenschaften an der Universität Bonn. Als Diplom-Agraringenieurin bringt sie Berufserfahrung im Projektmanagement in der Agrarbranche, Stallbau, Datendienstleistungen, Verknüpfung von Landwirtschaft und Fleischwirtschaft, Qualitätsmanagement und Logistik mit. Während ihrer Berufs- und Familienzeit als Mutter von zwei Kindern hat sie sich als „Brückenbäuerin“ selbständig gemacht. Heute bietet sie Beratung und Coaching für in der Agrar- und Ernährungsbranche Tätige an. Sie ist nah dran an den Menschen, die diese Branche gestalten. Sie unterstützt Menschen, die ihre persönlichen und betrieblichen Themen reflektieren und sich verändern wollen. Birgit Sparenberg zeigt ihnen Wege, wie sie trotz der wachsenden Belastungen in der Landwirtschaft Fähigkeiten entwickeln, mit Stress und Krisen umzugehen. Sie trainiert als Coach die individuelle Resilienz, um Krisen als Chance zu nutzen.
EQAsce: Ist Resilienz eine Kompetenz mit vielen individuellen Fähigkeiten, die trainiert werden können?
Birgit Sparenberg: Ja, so ist es. Coaching dreht sich fast ausschließlich um Resilienz und Selbstbegegnung. Es gibt folgende Schlüsselfaktoren von Resilienz: Da ist die Selbstwirksamkeit, die mit dem Vertrauen wächst, Probleme aktiv bewältigen zu können. Weiterhin gehört dazu das große Feld der Akzeptanz, denn die meiste Energie verlieren wir durch innere Widerstände. Lösungsorientierung tritt ein, wenn sich der Fokus von Angst/Krise/Problem auf konkrete nächste Schritte verschiebt. Und immer geht es für uns Menschen als soziale Wesen um den Aufbau und die Pflege unterstützender Beziehungen.
EQAsce: Wie schaffen Sie es mit Ihren Impulsen in Coaching und Speaking die Fähigkeit zur Selbstregulation zu wecken und damit Resilienz zu stärken?
Birgit Sparenberg: Ich stelle vor allem gute Fragen und spiegele mein Gegenüber in seinem Denken, Fühlen und Handeln. Wenn die Menschen sich reflektieren und ihnen Dinge bewusst werden, haben sie die Grundlage für Entwicklung bereits geschaffen. Zentrale Fragen sind: „Wie gehe ich mit Stress um? Wie gehe ich mit mir selber um? Wie kann ich anders damit umgehen?“ Dadurch beginnen Menschen zu lernen, Misserfolge auszuhalten, sich zu motivieren, Fokus und Ziele zu haben und vor allen Dingen auch mal etwas nicht zu wissen, keine Lösung zu haben und Pause zu machen. Das ist für die meisten Persönlichkeiten aufgrund unbewusster Prägungen und alter Muster viel schwieriger als Strategien oder Handlungsanweisungen zu bekommen und auszuführen.
EQAsce: Bei vielen Frauen in landwirtschaftlichen Betrieben kommt die Selbstregulation etwa bei der Stressbewältigung, Periodisierung oder Umgang mit emotional anspruchsvollen Situationen wie z.B. Generationenkonflikten oft an ihre Grenzen. Was raten Sie, wenn die Anforderungen über längere Zeit höher sind als die verfügbaren physischen, emotionalen und mentalen Ressourcen und damit das Risiko von Erschöpfung steigt oder Erschöpfung nicht als Warnsignal verstanden, sondern als persönliches Defizit oder temporäre Schwäche fehlinterpretiert wird?
Birgit Sparenberg: Ich empfehle vor allem Eigenverantwortung, Abgrenzung und Klarheit sowie einen mitfühlenden, liebevollen Umgang mit sich selbst und sage: „Werde deine eigene beste Freundin!“ Viele Frauen leiden darunter, für alles mitverantwortlich und zuständig zu sein und haben noch nicht erkannt, dass sie Teil einer Dynamik sind, der sie bis zu diesem Punkt unbewusst zugestimmt haben. Das hat viel mit Prägung zu tun, mit fehlenden Grenzen und mit Nervensystemen, die wegen Dauerstress dauerhaft im Alarmzustand sind. Wenn die Frauen beginnen, sich selber an die erste Stelle zu setzen, ändert sich oft alles – für die Frau, in der Paarbeziehung, in der Familie und im Betrieb, und zwar zum Besseren. Spannend ist, dass das dann auch die Männer bemerken, die für sich keine Beratung in Anspruch nehmen wollen oder auch skeptisch waren gegenüber dem Coachingvorhaben ihrer Frau.
EQAsce: Inwieweit gehört individuelle Resilienz auch zum lebenslangen Lernen? Welche Impulse geben Ihre Begleitungen und Vorträge, die Bereitschaft zu fördern, Übergänge anzunehmen, Lernprozesse zu gestalten und die eigene Entwicklung immer wieder aktiv zu reflektieren?
Birgit Sparenberg: Lernen und Entwicklung geschieht mehr durch Erfahrung als durch Wissenstransport. Das ist in unserer verkopften Gesellschaft leider in Vergessenheit geraten. Aus schmerzhaften Erfahrungen, viel mehr aus deren individueller Bewältigung gehen Menschen deutlich gestärkt hervor. Sie haben etwas Neues gelernt über sich, das Leben und die Welt.
Übergänge gehören zum Leben dazu. Der Umgang damit ist häufig schwierig, weil in Übergängen Identitäten verlorengehen und weil das Angst machen kann.
Lernprozesse zu gestalten erfordert erst einmal den Mut, sich das Neue zu wünschen und zuzutrauen sowie neugierig zu sein auf das Leben und auf neue Erfahrungen. Dafür braucht es auf persönlicher Ebene innere Stabilität und emotionale Sicherheit – diese entstehen nicht durch Druck, Kampf oder Disziplin, sondern im immer wieder ausbalancieren, Gefühle wahrnehmen und fließen lassen in einer vertrauensvollen, bewertungsfreien Begleitung.
Sich selber und die eigene Entwicklung zu reflektieren, stoppt oft an der Stelle, wo es „ans Eingemachte“ geht und emotional wird. Das ist keine Mindsetarbeit mehr, sondern das geht in den Körper und in das eigene Energiefeld. Dort ist es jedenfalls an der Wurzel zu packen. Mit einer Auflösung der Ursachen an diesen Stellen wird Entwicklung nach meiner Erfahrung überhaupt erst nachhaltig.
In Gruppen gebe ich Impulse zu Eigenverantwortung, Standortbestimmung und Zielsetzung. Dazu gehört die Arbeit mit den eigenen Werten. Alle Lebensbereiche wie Beruf, Familie, Gesundheit etc. zählen und wirken mit, ich betrachte sie nicht als voneinander getrennt. Wir schauen auf Stärken und Schwächen, Umgang mit Herausforderungen wie Stress im Betrieb, Finanznöten oder Beziehungskonflikten. Wir üben souveränes Auftreten, Kommunikation, Abgrenzung, Vereinbarkeit von Familie und Betrieb, Zeitmanagement und das Entwickeln einer starken Vision. In meinen Räumen geschieht das nie nach „Schema F“, sondern immer höchst individuell durch konkrete Selbstbegegnung und unterstützt durch mein feines Gespür und energetisches Wirken.
Wenn Frauen in Gruppen lernen und sich entwickeln, verstärken sich Klarheit, Bestärkung und Ermutigung. Zu sehen, wie auch die Anderen ähnliche Herausforderungen haben und gemeinsam Gedanken und Gefühle zuzulassen, die in den Alltag oft nicht hineinzupassen scheinen, bereichert die Frauen ungemein. Sie wechseln die Perspektive, sprechen innere Wahrheiten endlich einmal aus und beenden ihre inneren Konflikte.
Alles, was ich weitergebe, habe ich selber erlebt und für mich gelöst, angefangen mit persönlicher Entwicklung und Biografiearbeit über Familiengründung und die Entscheidung für ein eigenes Business bis hin zu tiefgreifender Veränderung von Beziehungen. Ich teile auch Persönliches an den passenden Stellen, nicht im Sinne von Belehrung, sondern um zu zeigen, wie viel eigentlich möglich ist, wenn man an sich glaubt und den eigenen Wahrnehmungen vertraut.







