Interviewreihe: Starke Frauen in der Agrar-, Forst- und Ernährungswirtschaft – Gisela Berns-van den Boom
Flankierend zum Positionspapier der >>Verbändeallianz zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft 2026 stellt die Europäische Genossenschaft Education and Qualification Alliance SCE Frauen in der Landwirtschaft vor, die wertvolle Beiträge zur doppelten Transformation leisten. In einer Reihe von monatlichen Interviews stellen wir diese Frauen mit ihren Ideen, Innovationen und Netzwerken vor. Für den Monat August hat EQA ein Interview mit der Unternehmerin Gisela Berns-van den Boom geführt.

Gisela Berns-van den Boom, Ökotrophologin
Die studierte Ökotrophologin Gisela Berns-van den Boom sammelte zunächst Erfahrung als Produktmanagerin in der Fleischwarenindustrie und anschließend als Unternehmensberaterin für die fleischgewinnende und -verarbeitende Industrie, auch in Österreich und Ungarn. Seit 1997 prägt sie die Entwicklung des grenzübergreifend agierenden Unternehmens Dr. Berns Laboratoriums, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann zu einem der großen Laboratorien in Nordwesteuropa ausgebaut hat. Als stellvertretende Geschäftsführerin ist ihr Verantwortungsbereich Personalentwicklung, Aus- und Weiterbildung. Das Mentoring von Mitarbeitenden und Nachwuchskräften liegt ihr besonders am Herzen. Ihr Engagement für deren Entwicklung und langfristige Mitarbeiterbindung prägt die Unternehmenskultur. Dabei gehört für sie auch die Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben zu einer zeitgemäßen Personalentwicklung. 2025 zeichnete foodjobs.de das Unternehmen Dr. Berns Laboratorium zu den „TOP 25 Arbeitgebern Praktikum“ der Lebensmittelwirtschaft aus.
EQAsce: Wie haben sich die Aus- und Weiterbildungskonzepte in den letzten Jahren in den Bereichen Lebensmittelsicherheit und -überwachung sowie Zertifizierung von Unternehmen entwickelt?
Gisela Berns-van den Boom: Ein wesentlicher Entwicklungsschritt ist die Digitalisierung der Weiterbildung. Neben klassischen Präsenzseminaren arbeiten wir heute mit Live-Online-Trainings, Hybridformaten und einer E-Learning-Plattform. Diese Tools nutzen wir sowohl für die Aus- und Weiterbildung unserer eigenen Mitarbeiter als auch für unser Angebot an Kunden.
Auch inhaltlich sind Entwicklungen zu verzeichnen: Früher standen insbesondere Hygienevorschriften, HACCP-Grundsätze und rechtliche Anforderungen im Mittelpunkt einer reinen Wissensvermittlung. Inzwischen müssen Mitarbeitende und Führungskräfte nicht mehr nur Vorschriften kennen, sondern in die Lage versetzt werden, Risiken systematisch zu bewerten und zu steuern. Das Thema Krisenmanagement hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.
EQAsce: Wie stark wächst der Bedarf an berufsbegleitender Weiterbildung in Laboren, mit Blick auf neue Herausforderungen der doppelten Transformation (digital und nachhaltig)?
Gisela Berns-van den Boom: Die berufsbegleitende Weiterbildung nimmt einen immer größeren Zeitraum ein, beschleunigt durch die Digitalisierung von Laborprozessen und die steigenden Anforderungen an Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz. Durch die Digitalisierung auch im Bildungsangebot lässt sich diese Anforderung gut abbilden.
Noch vor einigen Jahren konnten wir unsere Mitarbeitenden mit ein bis zwei externen Fortbildung pro Jahr auf aktuellem Stand der Technik halten. Heute findet die berufsbegleitende Weiterbildung kontinuierlich statt: Einarbeitungen werden zunehmend durch E-Learnings und YouTube-Filme begleitet und standardisiert. Pflichtschulungen können über unsere E-Learning-Plattform von den Mitarbeitenden zeitflexibel absolviert werden. Digitale Laborinformationssysteme (LIMS) sind zum Standard geworden und verändern sich fortlaufend. Auch der Einsatz von Robotern erfordert eine kontinuierliche Weiterbildung von Laborpersonal.
Auch der Fachkräftemangel führt zu einem steigenden Weiterbildungsbedarf. Die Entwicklung des vorhandenen Personals hat Priorität und gewinnt gegenüber dem Recruiting an Bedeutung.
EQAsce: Wie lässt sich die Anzahl von Frauen in Führungspositionen in den speziellen Dienstleistungsbereichen Laboranalysen und Zertifizierung erhöhen? Welche Voraussetzungen müssen hierfür noch geschaffen werden?
Gisela Berns-van den Boom: Die Herausforderung besteht weniger darin, Frauen für diese Arten von Tätigkeiten zu gewinnen, da in vielen naturwissenschaftlichen und laborbezogenen Berufen bereits hohe Frauenanteile vorhanden sind, sondern vielmehr darin, den Übergang in Führungsrollen zu erleichtern.
In Laboren und Zertifizierungsunternehmen verlaufen Karrierewege häufig fachlich geprägt. Der Übergang in eine Führungsposition muss gut vorbereitet und begleitet werden, damit dies erfolgreich geschieht. Hier setzen wir immer noch auf die klassischen Instrumente Coaching und Mentoring. Junge Führungskräfte werden eng von Erfahrenen begleitet. Gemeinsame Meetings, in denen alles angesprochen werden darf, sowie ein Austausch unter Führungskräften aller Ebenen haben sich bewährt und werden weiter praktiziert.
Auch die Unternehmenskultur spielt eine wichtige Rolle. Unterschiedliche, authentische Führungsstile müssen möglich sein, dabei darf der wertschätzende Umgang miteinander nicht verloren gehen. Auch der Blick auf die Bewertung von Führung muss angepasst werden. Führung sollte an den Ergebnissen und nicht an der Präsenz einer Führungskraft gemessen werden. Der Vorteil einer männlichen Führungskraft wird häufig in der Vollzeit-Präsenz gesehen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Frauen bei einer ergebnisorientierten Bewertung sehr gut abschneiden.
Ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor bleibt immer noch die Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben. Führung in Teilzeit sowie Jobsharing-Modelle gehören ins Angebot. Leider sind hybride Arbeitsformen in diesem Bereich nicht überall möglich.







